Karfreitag - Evangelische Kirchengemeinden Borsdorf mit Harb und Ober-Widdersheim mit Unter-Widdersheim

Update 06.09.2017
Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Themen

Karfreitag-der Tag des Opfers?

Welche Bedeutung hat dieser Tag für Sie?

Ihre Kirche macht mit einer besonderen Aktion darauf aufmerksam.

Lesen Sie hier weiter: http://www.ekhn.de
Eine Handreichung zu Karfreitag 2012

Bildbetrachtung zu „Karfreitag“ von Ralf Kopp
Motiv der Aktion Karwoche 2012 der EKHN

Der Darmstädter Künstler Ralf Kopp hat das Motiv zur Karfreitagsaktion geschaffen. Zu sehen ist eine Hand, das Wort „Opfer“ mit Fragezeichen und ein Ausschnitt vom Himmel.
Die Hand vor dem blauen Hintergrund fällt sofort ins Auge. Die Finger sind zum Zeichen für Sieg gespreizt: ein V für das englische „victory“. Die Handfläche ist durchbohrt. Der Künstler zitiert die traditionelle Darstellung des gekreuzigten Jesus. Historiker wissen zwar, dass Gekreuzigte damals durch die Handgelenke angenagelt wurden. Aber das Bild mit dem Stigma in der Handfläche hat sich in der Kunstgeschichte durchgesetzt. Sehr realistisch erscheinen die Wunde und das Blut. In zwei Strähnen ist es an der Hand herunter gelaufen. Als wäre es links und rechts um einen Nagel herum geflossen. Dazu muss man sich die Hand natürlich um 90 Grad gedreht denken, wie am Kreuz hängend. Jetzt ist sie davon gelöst.
Vom Rest des Körpers sieht man nichts. Das lässt die Hand besonders kraftvoll erscheinen. Die Spannung setzt sich in jeden Finger hinein fort. Es sieht so aus, als wollte sich diese Hand so hoch wie nur möglich strecken. Abgesehen von der Schrift ist um sie herum nur der Himmel zu sehen.
Ist das der Himmel vor zweitausend Jahren oder von heute? Bewusst bleibt diese Frage offen. Der Himmel ist seit jeher ein Symbol für etwas, das alles umfasst, Raum und Zeit. In der Sprache der Bibel ist der Himmel daher auch ein Name für Gott. Der Himmel und das Licht haben für die Hand dieselbe Funktion wie Heiligenscheine auf alten Gemälden. Sie stellen die Hand als etwas Großes heraus. Der Himmel gibt ihr Anteil an seinen Eigenschaften. Die Hand des Gekreuzigten streckt sich ewig und unendlich weit in Raum und Zeit aus. Gleichzeitig ragt sie in unsere Zeit hinein. Sie ist Gott-gleich.
Das Siegeszeichen werden viele als Anspielung auf Ostern verstehen. Jesus ist auferweckt worden und hat den Tod besiegt. Doch die Schriften im Neuen Testament der Bibel sehen den Tod Jesu und seine Auferweckung als ein zusammengehöriges Ganzes. Im Johannesevangelium sagt er als Sterbender „es ist vollbracht“ (Joh 19,30). Am Kreuz ist der eigentliche Sieg über das Böse errungen worden. Darum wird die Kreuzigung von Johannes auch doppelsinnig als „Erhöhung“ bezeichnet (u.a. Joh 3,14).
Aus dieser Sicht bekommt Ostern seinen Sinn durch die Kreuzigung. Nicht umgekehrt. Denn andernfalls wäre die Auferweckung bloß das Happy-End einer grausamen Geschichte. Doch die Bibel macht deutlich: Am Kreuz geschieht etwas von weltumfassender Bedeutung. Im Bild spiegelt sich dieser Gedanke durch die Beziehung zwischen Hand und Himmel. Über das Symbol Himmel wird auch anschaulich, dass Jesus Christus und Gott im christlichen Bekenntnis als Einheit verstanden werden. Die Pointe lautet also: Als Jesus am Kreuz stirbt, wird Gott selbst zum Opfer.
Das Fragezeichen neben dem Wort „Opfer“ regt zum Nachdenken an.
- Wer ist ein Opfer? Sicher ist nicht nur Jesus gemeint, sondern auch andere Menschen. Es stellt sich die Frage: Bin ich vielleicht selbst angesprochen?
- Was bedeutet „Opfer“? In den Nachrichten ist von „Unfallopfern“ die Rede. Auf Schulhöfen ist der Ausdruck „Du Opfer“ ein besonders gemeines Schimpfwort. Ist der Begriff heute überhaupt noch verwendbar? In der christlichen Tradition ist er fest verankert. Doch wird sein Sinn heute noch verstanden?
- Wer opfert wen? Es gibt das verbreitete Missverständnis, Gott wollte mit einem Opfer gütig gestimmt werden. Deswegen sei Jesus getötet worden. Doch in der Bibel wird der Tod Jesu genau anders herum verstanden: Da Jesus die Liebe Gottes verkörpert, opfert Gott sich selbst, um die Beziehung zwischen Gott und Menschen zu heilen.
- Ist „Opfer“ ein Begriff der Schande und der Schwäche? Nach biblischem Verständnis nicht. Damals mussten Opfertiere rein und gesund sein. Reinheit und Stärke wurde von den ersten Christen auch mit Jesus verbunden. Er ist nicht nur unschuldig hingerichtet worden. Es war auch von ihm eine starke Tat. Denn seine Kreuzigung war die Konsequenz aus dem, was Jesus getan und gesagt hat. Durch die Botschaft, dass Gott die Liebe ist, kam er zwangsläufig in Konflikt mit den lieblosen Zuständen der Gesellschaft. Schließlich beschlossen die Machthaber seiner Zeit, Jesus aus dem Weg zu schaffen. Die Evangelien erzählen, dass er das wusste. Er wurde nicht passiv geopfert, sondern hat sich – wie schon Paulus sagt – „selbst hingegeben“ (Gal 2,20). Sonst wäre alles verloren gewesen, wofür er friedlich gekämpft hat. Mit seinem Leben hat er die Liebe Gottes glaubhaft gemacht und mit seinem Sterben besiegelt. Das Bildmotiv macht das ohne Worte deutlich: Die verletzte Hand mit Siegeszeichen, rückt in die Nähe zur Siegerpose eines Revolutionärs, der weiß, dass sein Opfer nicht umsonst war.
Das Fragezeichen bringt Spannung in den Opferbegriff. Es lässt wichtige Fragen zu. Das Motiv der Hand deutet einige Antwortmöglichkeiten an. Jesus als Opfer ist gleichzeitig Sieger. Sein Opfer und die „Opfer“, die wir heute erleben, interpretieren sich gegenseitig. Ein Ergebnis könnte lauten: So wie Gott mit Jesus ist, so ist er immer noch auf der Seite der Opfer. Gott ist nicht auf der Seite der Täter, nicht auf der Seite der Gewalt. Sondern Gott ist die Hoffnung für alle, die unschuldig leiden.
Manche werden beim Anblick des Plakates denken: Bin ich selbst ein Opfer? Der christliche Glaube bietet die Möglichkeit, die eigene Lebenserfahrung in die Geschichte Jesu hineinzulegen. Wenn Gott in Jesus war, dann ist er auch in unseren Opfer- und Todeserfahrungen nicht wegzudenken. Gott kommt nahe, wo wir zu Ende sind. Darum vertraut das christliche Bekenntnis auch nicht darauf, dass die Stärkeren Recht bekommen. Durch Jesu Tod hat die Liebe Gottes ungeahnte Kreise gezogen. Die scheinbare Schwäche wird zur Stärke. Die Fragen sind damit nicht zu Ende. Doch das Plakat soll auch dazu anreizen, dass Menschen den Kontakt zur Kirche aufnehmen, vielleicht zu Mitarbeitenden in den Gemeinden oder ihre Fragen in einen Gottesdienst am Karfreitag mitnehmen und sich für ein Gespräch öffnen.
Markus Zink
(Referat Kunst und Kirche im Zentrum Verkündigung der EKHN)


Über den Künstler
Ralf Kopp, Jahrgang 1973, ist ausgebildeter Art Director und seit 1999 als freier Video- und Fotokünstler tätig. Seine Arbeiten beschäftigen sich in vielen Fällen mit elementaren menschlichen Themen: Geburt und Tod, Wahrheitssuche, Leid und Mitgefühl. Dies hat ihn auch zu einer intensiven Beschäftigung mit der christlichen Bildwelt gebracht. Das Bild Jesu und das Symbol des Kreuzes begegnet in seinem Werk mehrfach an entscheidenden Stellen. Der Künstler hinterfragt die üblichen Schemata auf ihren tieferen Sinn. Dafür löst er sie zum Teil auf und setzt sie in neue Zusammenhänge. Sowohl seine Video- als auch seine Fotoarbeiten setzen auf die Aussagekraft einer reduzierten Form und inhaltlich spannender Gegensätze. Ralf Kopp lebt und arbeitet in Darmstadt. Mehr über den Künstler auf seiner Webseite:
www.ralfkopp.com.


©2017, Evangelische Kirchengemeinden Borsdorf und Ober-Widdersheim, Alle Rechte vorbehalten.
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü